Social Timing – über Sinn und Unsinn der Timingoptimierung

Ja, „Timing ist alles“ sagt man so schön. Und neben allem, was man inzwischen schon verSOCIALt hat, wurde nun noch eine neue Disziplin erfunden, die sich „Social Timing“ nennt und uns verraten soll, wann wir Blogposts veröffentlichen, twittern und netzwerken sollen, um aus dem „Social Topf“ möglichst viel Rückfluss zu erhalten – sprich: Kommentare, Backlinks, Retweets, Likes & Co.. Ja und irgendwie klingt es ja auch schon etwas cool – „Social Timing“. Und was noch viel cooler und SOCIALiger ist: zum „Social Timing“ gibt es auch schon eine Reihe von Infografiken. ;-) Erstellt wurden diese unter anderem von den Web-Analysten des Unternehmens KISSmetrics.

Social Timing im Social Web

Fassen wir erst einmal ein paar Fakten zusammen, die sich im Rahmen der Studie herausgestellt haben:

Twitter
Social Timing Twitter 

  • Gegen 17 Uhr nachmittags werden im Durchschnitt die meisten Retweets veröffentlicht.
    Schlussfolgerung der Studie: Die beste Zeit, um zu Twittern bzw. Links zu streuen ist gegen 17 Uhr.
  • Bei 1 bis 4 Tweets pro Stunde erreicht man die statistisch beste Click Through Rate
    Schlussfolgerung der Studie: 1 bis 4 Tweets pro Stunde publizieren, um die bestmögliche CTR zu erreichen
  • Die statistisch beste Click Through Rate erlangst Du am Mittwoch und an den Wochenenden
  • Die statistisch beste Click Through Rate nach Tagesstunden erreicht man am späten Nachmittag gegen 18 Uhr

Facebook

Social Timing Facebook

  • An Samstagen werden im Durchschnitt die meisten Inhalte bei Facebook geteilt.
    Schlussfolgerung der Studie: Die beste Zeit, um Inhalte bei Facebook zu teilen, ist Samstag.
  • Nach Tageszeit betrachtet, werden kurz vor 19 Uhr bis kurz nach 19 Uhr die meisten Inhalte auf Facebook geteilt Schlussfolgerung der Studie: Die beste Tageszeit, um Inhalte bei Facebook zu teilen, liegt zwischen 18 Uhr und 19.30 Uhr
  • Die beste Sharing-Rate bei Facebook erhält man, wenn man im Durchschnitt 0,5 Posts bei Facebook veröffentlicht
    Schlussfolgerung der Studie:  Schreibt man einen Post in zwei Tagen, erhält man die meisten „Likes“.

Blog
Social Timing Blog
  • Am häufigsten werden Blogs am Morgen gelesen
    Schlussfolgerung der Studie: Blogposts am besten morgens veröffentlichen
  • Ein durchschnittlicher Blog erhält den meisten Traffic an Montagen
    Schlussfolgerung der Studie: einen Blogbeitrag besser am Montag als am Freitag veröffentlichen
  • Ein durchschnittlicher Blog erhält den meisten Traffic gegen 11 Uhr Vormittag
  • Die meisten Kommentare in Blogs werden an Samstagen geschrieben
  • Die meisten Kommentare in Blogs werden gegen 9 Uhr vormittags geschrieben
  • Die meisten Backlinks erhalten Blogs an einem Montag oder Donnerstag
  • Die Chancen für mehr Seitenzugriffe und mehr Backlinks liegen am höchsten, wenn man einen oder mehr als einen Post pro Tag veröffentlicht
Was würde wohl passieren, wenn wir alle diesen Ratschlägen und statistisch optimalen Erkenntnissen folgen?
Aus so ziemlich jedem Ergebnis dieser Untersuchung ließe sich eine entsprechende Handlungsempfehlung ableiten, um einen optimalen Erfolg – sprich: CTR-, Traffic-, Interaktions-Steigerungen im Social Web –  zu realisieren (zumindest laut Studie). Morgens würden wir alle fleißig  bloggen, während wir im 15-Minuten-Takt neue Tweets veröffentlichen oder die Zeit zwischen 11 Uhr Vormittag und 16 Uhr Nachmittag nutzen, um Tweets im 15-Minuten-Takt zu planen, weil wir von 16.30 Uhr bis 18.30 Uhr noch mehr Tweets mit Links rausschicken müssen, um unsere Twitter-CTR zu optimieren und uns gleich darauf bis 19.30 zu überlegen, welchen Text plus Link man in einen 0,5-Facebook-Post packt (bzw. welchen Inhalt man jeden zweiten Tag veröffentlicht), damit dieser möglichst häufig geteilt und geklickt wird. Das hat für mich alles einen ziemlich schalen Beigeschmack und hat in meinen Augen irgendwie so gar nichts mehr mit „social“ zu tun – und erst recht nichts mehr mit viraler Verteilung von Inhalten.

Das Fundament des Social Timing

Die Idee des „Social Timing“ bzw. der zeitlich optimierten Streuung von Inhalten stammt aus dem Grundgedanken des viralen Marketings. Eine prägnante und kurze Definition des viralen Marketings lieferte Guido Heffels, Kreativdirektor der Heimat Werbeagentur in Berlin.

„Werbung im Fernsehen ist klar zu erkennen als Werbung. Werbung im Internet ist, wenn sie gut gemacht ist, erst mal nicht sofort zu dechiffrieren als Werbung. Das heißt, die Menschen treffen auf etwas, finden es interessant, finden es gut und schicken es weiter“ (wikipedia.de)
Letztlich geht es darum, dass sich Informationen, Produkte und Dienstleistungen innerhalb eines sehr kurzen Zeitfensters möglichst schnell verbreiten und sich an eine steigende Masse von Menschen verteilen. Da sich hinter dem jeweiligen Marketing immer ein wirtschaftlicher Gedanke befindet, welcher stetes Wachstum einfordert, gibt es die Optimierung. Optimieren lässt sich jedes Bruchstück einer Maßnahme. Vom Ausführenden bis über den Text, die Links, die Farben, Bilder, Inhalte, Orte etc. – oder eben auch das Timing.
Das Timing zu optimieren, ist in jedem Fall sinnvoll und aus diversen Untersuchungen, die dazu bereits angestellt wurden, konnten sehr wertvolle Ergebnisse erzielt werden, bedenkt man beispielsweise die Planung und Umsetzung saisonaler oder eventbezogener Kampagnen in diversen Branchen. Doch muss Timing so detailliert optimiert werden, dass daraus ein Stundenplan für Tweets, Blogposts, Updates & Co. entsteht?

Social Timing vs. zufällig soziale Interaktion

Ich empfinde diese Vorstellung im Hinblick auf einen ganz simplen Sachverhalt fatal und falsch. „Social Media“ ist geprägt durch soziale Interaktion und Kommunikation. Diese wiederum basiert -trotz aller Virtualität- auf Menschlichkeit und Natürlichkeit, wie auch auf einer gewissen Unplanbarkeit – also dem Zufall, dem praktischen Gegenteil von Timing und Algorithmus. Zufälle entstehen dann, wenn es für ein Ereignis oder die Aneinanderkettung von Ereignissen keinen kausalen Zusammenhang gibt. Das bedeutet:

  • eine ähnliche Ausgangssituation kann viele verschiedene Folgesituationen hervorrufen
  • Folgesituationen entstehen ohne planbare und erkennbare Ursachen
Zufälle entstehen im Social Web sekündlich zu tausenden. Ein Termin fällt kurzfristig aus, ich öffne Twitter und lese aktuelle Tweets, die ich  sonst evtl. gar nicht oder zu anderen Zeitpunkten erst gelesen hätte. Ich stoße zufällig auf einen Tweet, auch wenn ich gar nicht auf der Suche nach dessen Inhalt war. Gelange auf eine Webseite und kommuniziere dort mit Personen, denen ich sonst wahrscheinlich nicht oder erst in einem anderem Zusammenhang, zu einem anderen Zeitpunkt begegnet wäre. Ich retweete den Artikel, weil ich ihn interessant finde und ermögliche meinen Followern somit, weitere Informationen zu entdecken, die sie sonst etwa gar nicht oder aber in einem ganz anderen Zusammenhang und zu einem ganz anderen Zeitpunkt erst entdeckt hätten.
Tatsache ist weiterhin, dass ich diesen Artikel interessant fand und ihn deswegen mit meinen Followern geteilt habe. Mein Interesse jedoch steht in keiner Verbindung zu bestimmten Wochentagen oder Uhrzeiten. Morgens finde ich Unternehmen xy wahrscheinlich noch genauso nichtssagend wie abends und werde weder morgens noch abends den Like-Button des Unternehmens klicken oder Inhalte aus dem Blog der jeweiligen Unternehmung teilen. (Vorausgesetzt natürlich, die Unternehmung verändert seine Strategie nicht grundlegend und spricht damit mein Interesse an)

Sichtbarkeit vs. individuelle Interessen

Ich hoffe, dass verständlich wird, was ich sagen möchte: Gutes Timing beeinflusst mit Sicherheit den Faktor „Sichtbarkeit„, aber es wird nicht dafür sorgen, dass sich das individuelle Interesse an einem Inhalt maßgeblich verändert.
Doch genau das wird meines Erachtens über ziemlich viele Optimierungsvorschläge zum Social Timing suggeriert. „Poste zwischen 18 und 19 Uhr und Deine Inhalte, Produkte und Dienstleistungen werden x-tausend User erreichen“. Das ist schlichtweg falsch, viel zu einseitig und zu kurz gedacht. Denn wie bereits weiter oben geschrieben, hängt die Optimierung von vielen weiteren kleinen Puzzleteilchen ab – unter anderem auch von Aktualität, Qualität und dem Bedarf bestimmter Inhalte. Bereits die obige Definition des viralen Marketings von Guido Heffels beschreibt dies im letzten Satz „Das heißt, die Menschen treffen auf etwas, finden es interessant, finden es gut und schicken es weiter“  (wikipedia.de). 

Fazit

Zusammengefasst bedeutet all das: Ja, es ist natürlich wichtig, gewisse Regelmäßigkeiten in Sachen Timing und Planung im Social Web zu kennen und auch individuell für eigene Präsenzen auszuwerten und diese Gegebenheiten bis zu einem gewissen Grad zu nutzen. Sich jedoch nur an jenen Statistiken und Analysen zu orientieren, ist meines Erachtens alles andere als empfehlenswert. Denn das Social Web ist immerhin noch sozial und ziemlich menschlich und damit nicht vollends erfassbar und berechenbar – egal, ob man es unternehmerisch oder privat nutzt. Timing ist also längst nicht alles!

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Jasmina

Wer schreibt hier? Jasmina

Hi! Ich bin Jasmina, die Autorin von onlinelupe.de. Seit 2010 schreibe ich hier über digitales Arbeiten und Selbständigkeit im Internet.

7 Kommentare

  1. Ich denke, so wie du es im Fazit geschrieben hast, das richtige Maß ist gefragt.
    Ich finde die Infos toll und lese sie gern, einfach weil ich Statistiken aus dem Bereich gerne lese. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich jetzt wie wild danach leben muss und mein Blog krampfhaft daraus ausrichte. Was ja auch nicht so einfach geht wie richtige geschrieben wurde.

    Und alles auf einmal geht am Menschen, für die Blogposts gemacht sind, vorbei.

  2. Sehr interessanter Artikel – danke schön! Am interessantesten fand ich den Teil mit den 0,5 Posts und der besten Sharing Rate.
    Vielleicht liegt es an meinem Alter, aber die Flut von mehr oder minder wichtigen Posts nerven mich. Ich widme den Leute, die weniger mitteilsam sind auch mehr Aufmerksamkeit.

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